Der grün-weiße Plan für die Wurzelpflege. Der neue Fußballverein in Mattersburg will im Nachwuchs aufblühen, an alte SVM-Zeiten erinnern und die Landesliga anpeilen.

Von Bernhard Fenz. Erstellt am 06. September 2020 (01:32)
Alles im Griff. Aktuell trainiert der MSV 2020 in der Fußballakademie. Neo-Chef Manfred Strodl, hiermit dem neuen Heimtrikot, peilt mit dem Verein auf Sicht den Umzug ins Pappelstadion an.
Fenz

Mittwoch, 5. August, SVM-Café. Im vorderen Teil diskutieren die Mitglieder und Interessierten des SV Mattersburg nach der außerordentlichen Generalversammlung über das eben verkündete Ende des langjährigen Bundesliga-Klubs. Insolvenzantrag, Rückgabe der Bundesliga-Lizenz, Einstellung des Spielbetriebs: Es ist das jähe Aus, seit in der Nacht von 14. auf 15. Juli der Bilanzskandal von historischer Dimension rund um die Commerzialbank Mattersburg und deren Direktor Martin Pucher aufpappte und täglich neue Abgründe in Bezug auf wirtschaftlichen Schwindel ans Tageslicht kamen, die den SVM mit Pucher als Präsident nicht nur streiften, sondern gleichermaßen mit voller Wucht trafen.

Im hinteren, abgetrennten Teil des Cafés, sitzt zeitgleich eine kleiner Kreis an einem Tisch zusammen. Marko Amminger, Hannes Reisner und Richard Vogler beraten mit Bürgermeisterin Ingrid Salamon über die Gründung eines neuen Vereins. Zur Runde dazu stößt Manfred Strodl, er wurde spontan kontaktiert, ob er Interesse hat, einzusteigen. Strodl, Gründer der Firma MS Bau, SVM-Fan seit vielen Jahren, in jungen Jahren selbst als Kicker aktiv, sagt zu. Es soll die Gründungsstunde des Mattersburger Sportvereins, kurz MSV, 2020 sein.

Einen knappen Monat später sitzt Manfred Strodl in der Fußballakademie Burgenland. Er ist stolzer Vorstandsvorsitzender und blickt auf bewegte erste Wochen zurück. Seit 10. August ist der neue Verein offiziell eingetragen, hat den Nachwuchs des SV Mattersburg übernommen, die erste Infoveranstaltung hinter sich, ist online vertreten und nach außen hin aktiv. Der 67-jährige MSV-Chef, der als Eigentümer seine Firma mittlerweile an die deutsche Gruppe Geiger aus Oberstdorf übergeben hat und noch als Geschäftsführer tätig ist, nutzt nun die sich bietenden zeitlichen und wirtschaftlichen Ressourcen, um operativ an der Spitze zu stehen: „Ich habe gut verdient in meinem Leben. In den SVM wollte ich im Zuge des angedachten Sanierungsverfahrens und bei der Frage nach möglichen Investoren keinen Cent investieren, weil da viel zu unsicher war, was tatsächlich herauskommt. Hier kann ich aber jetzt ein bisschen was zurückgeben.“

Schließlich brauchte es im Zuge der Vereinsgründung rasche Entscheidungen und eine entsprechende finanzielle Starthilfe. „Es gibt viele potenzielle und sehr interessierte Sponsoren, mit denen wir gesprochen haben. Alle haben aber gesagt: Fangt einmal an zu arbeiten, wir schauen uns das an.“ Ergo ist Strodls Unternehmen aktuell erster Hauptsponsor, um den Laden in Schwung zu bringen. „Hätten wir nicht rasch gehandelt, wäre in Mattersburg alles tot gewesen.“ So aber werden 2020/2021 jene zehn Nachwuchsmannschaften von der U8 bis zur U16 unter dem Logo des MSV 2020 in der Meisterschaft an den Start gehen, die bis dato für den SV Mattersburg aktiv waren. Zudem ist diese Saison laut Strodl, dem auch Transparenz sehr wichtig ist, bereits ausfinanziert. Rund 100.000 Euro seien dafür nötig. „Alleine die Anschaffung von je vier Trikotsätzen pro Mannschaft hat für alle Teams rund 30.000 Euro gekostet. Das ist aber jetzt natürlich nötig.“

Kampfmannschaft mit Ziel Landesliga/RLO

Ebenso war die Zusage nötig, dass der ehemalige SVM-Nachwuchs bis auf weiteres in der Fußballakademie Burgenland trainieren und spielen dürfe. Ohne das wichtige grüne Licht der Gesellschafter (Land, BFV, Stadt) gäbe es laut Strodl jetzt keinen MSV 2020. „Wir hätten ja vorerst keine Spielstätte.“

Das soll sich übrigens spätestens in der Saison 2021/2022 ändern. Noch ist das Areal des Pappelstadions Sache des Masseverwalters im Zuge der SVM-Insolvenz. Läuft aber alles nach Plan, dann könnte die Stadtgemeinde Mattersburg früher oder später die komplette Liegenschaft samt Vereinshaus und Tribüne übernehmen und der MSV 2020 als Pächter einsteigen. Schließlich soll dann genau dort, wo viele Jahre lang Bundesliga-Fußball gezeigt wurde, wieder etwas von unten herauf entstehen.

„Die Infrastruktur ist perfekt und es besteht ein allgemeines Interesse, dass die Anlage wieder genutzt wird“, wäre der Umzug des MSV 2020 für Strodl und sein Team ein weiterer Meilenstein in der noch so jungen Vereinsgeschichte. Auch wenn derzeit an mehreren Fronten primär noch Aufbauarbeit geleistet wird, um die Strukturen zu schärfen und den Betrieb zu gewährleisten. „Wir haben viele junge Leute eingebunden, die zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Die laufen alle wirklich brav für den Verein.“

Der MSV könnte dann über kurz oder lang im Pappelstadion alle Teams beheimatet haben. Wo Platz zum Trainieren freilich ein kostbares Gut ist. Sollte das (mobile) VIP-Zelt im Zuge der Insolvenz verschwinden, wäre eine weitere Rasenfläche nützbar. Falls nicht, könnte man mit den Kleinsten in die Neue Mittelschule ausweichen. Genug Möglichkeiten gibt es jedenfalls, wie Strodl versichert. Schritt für Schritt sollen dafür die Weichen gestellt werden. Schließlich gibt es bereits ein längerfristiges Ziel: „2021 wollen wir in der 2. Klasse Mitte einsteigen, dafür werden wir im Lauf dieses Jahres sondieren, wer von den eigenen Spielern dann dabei sein wird.“ Der Nachwuchs soll hier eine leistungsstarke Basis bilden. „Es gibt auch einige Kicker, die verliehen sind – das alles muss man sich ansehen. Ziel ist der Aufstieg in die 1. Klasse und im Lauf der folgenden Jahre wollen wir in die Burgenlandliga oder Regionalliga. Das können wir auf einer gesunden wirtschaftlichen Basis erreichen, wenn wir gut arbeiten, viele Firmen einbinden und allen das Gefühl geben, tatsächlich dabei zu sein.“ An der sportlichen Spitze soll dabei auch ein Trainer stehen, der „diesen Prozess über mehrere Jahre begleitet“. Ebenso soll auch zeitnah eine Frauenmannschaft installiert werden. „Die meisten Vereine haben eine breite Basis. Die brauchen wir auch.“

Stammtisch für die Fans und Spiele am Sonntag

Über allem stehen soll dabei das Motto „Zurück zu den Wurzeln.“ Das MSV-Team hat schließlich kollektiven Bezug zum SV Mattersburg und will die grün-weiße Vergangenheit auch gar nicht verleugnen. Nicht umsonst blieben die Vereinsfarben gleich. Und auch die Vielfalt soll gefördert werden, wenngleich Strodl sagt: „Natürlich muss es einen geben, der etwas vorgibt, aber sämtliche Ebenen darunter müssen sich auch einbringen können. Alles muss von unten heraus wachsen.“

Dass der MSV 2020 als Nachfolgeklub eben auch mit dem insolventen SV Mattersburg in Verbindung gebracht werden könnte, stört Manfred Strodl nicht. Vielmehr stellt er klar: „Von den Machenschaften grenze ich mich eindeutig ab, aber die Geschichte kann man nicht verleugnen. Wichtiger ist, die Geschichte aufzuarbeiten. Der SVM ist tot, das ist korrekt, aber wir haben dem Ganzen jetzt wieder Leben eingehaucht. Spieler, Zuschauer, alle waren mit Begeisterung dabei – die können nichts dafür.“ Auch Strodl war bis zuletzt bei jedem Heimspiel, sagt über Martin Pucher nur: „Klar war auch ich enttäuscht, aber was soll man machen? Wir haben rasch reagiert, blicken jetzt nach vorne.“

Schließlich soll die Mattersburger Fußballfamilie wieder aufblühen. Dafür wird auch ein neues Vereinslokal gesucht, ein Stammtisch soll installiert werden, ein Schaukasten beim Pappelstadion soll informieren. Und über kurz oder lang soll im Stadion auch wieder bei den Anpfiffzeiten an alte Zeiten erinnert werden – etwa mit geplanten Sonntags-Matineen in der Meisterschaft. „Wir wollen das Flutlicht so selten wie möglich aufdrehen“, will der Neo-Klubchef auch Kosten sparen. Und gewisse Relikte aus der Bundesliga-Zeit werden sowieso unberührt bleiben. Wie die Rasenheizung. „Das kostet ein Vermögen. Die werden wir ganz sicher nie einschalten.“