Unioner Trimmel: Wenn perfektes Timing einen Namen hat. Niemand ist bei Standards so gefährlich wie Christopher Trimmel von Union Berlin. Den Mannersdorfer freut‘s, er bleibt aber demütig.

Von Bernhard Fenz. Erstellt am 03. Januar 2021 (05:01)
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Erfolgreiche Saison. Christopher Trimmel (l., hier beim 5:0-Heimsieg gegen Arminia Bielefeld) glänzte auch im bisherigen Geisterspiel-Herbst der Bundesliga bei Union Berlin als Assistgeber, Neuzugang Max Kruse traf bislang sechs Mal ins Schwarze. Der ehemalige Werder Bremen-Kapitän fehlt allerdings am Samstag, wenn es zu seinem Ex-Klub geht, aufgrund eines Muskelbündelrisses.
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Und täglich grüßt das Murmeltier. Wie in einer Dauerschleife läuft jener Automatismus ab, wenn bei Union Berlin ein Corner oder ein Freistoß von der Seite ausgeführt wird. In der Regel keimt für die Gegner Gefahr auf, sobald sich Kapitän Christopher Trimmel den Ball zurechtlegt, den Arm prägnant in die Höhe streckt und danach das Runde schnörkellos auf die Reise schickt. Nicht selten ist die Aktion dann tatsächlich von Erfolg gekrönt.

Elf Tor-Assists lieferte der Mannersdorfer Union-Legionär in der Vorsaison ab. Zufall? Nach gerade einmal zwölf Spieltagen in der aktuellen Bundesliga 2020/21 liegt Trimmel schon bei sechs Assists. Nein, Zufall kann das nicht sein. „Das wird natürlich trainiert, mindestens zweimal die Woche, damit wir hier eine funktionierende Einheit sind“, sagt Trimmel, dessen Vorlagen schön und gut sind, aber erst einmal verwertet werden müssen. Ergo ist das funktionierende Ganze hochinteressant, wenn die Eisernen, wie sie genannt werden, diese sportliche Waffe regelmäßig hocheffizient einsetzen.

Dass der Mittelburgenländer in diesem Kontext DER Assistkönig der Deutschen Bundesliga ist, macht ihn natürlich stolz. „So etwas wünscht man sich als Fußballer, ganz klar. Vor allem, weil es nach der vergangenen Saison mit elf Assists nun um die Bestätigung ging. Das ist schwierig.“

Überhaupt muss der Verein aus der Hauptstadt in dieser Spielzeit erneut zeigen, welches Potenzial in ihm steckt. Im Vorjahr schaffte Union Berlin nach dem erstmaligen Aufstieg der Klubgeschichte als vermeintlicher Fixabsteiger letztlich souverän den Klassenerhalt. Weshalb der erste Teil des Jahres 2020 für Trimmel und Co. bereits großartig war. „Für mich ist das sportlich sogar ein bisschen über den Aufstieg zu stellen.“

„Unser Ziel bleibt der Klassenerhalt. Wenn wir den erreicht haben, werden wir aber nicht aufhören weiterzumachen.“Christopher Trimmel – aktuell ist Union Berlin Sechster

Weil aber bekanntlich das zweite Jahr nach einem Aufstieg als besonders schwierig gilt (und die Mannschaft zudem im Sommer verändert wurde), waren die Vorzeichen für die Punktejagd 20/21 besonders pikant. Fakt ist: Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat Union Berlin fast schon in der Dauerschleife geliefert, keine Spur von Rückfall im zweiten Jahr Bundesliga. Mehr noch.

Aktuell liegt die Mannschaft von Trainer Urs Fischer als Sechster auf einem Europa-League-Startplatz, Partien wie das 1:1 gegen die Bayern oder der 2:1-Erfolg gegen Dortmund sind auch von den Ergebnissen her das qualitative Sahnehäubchen. Lediglich das jüngste 2:3-Cup-Aus im letzten Heimspiel vor der Mini-Weihnachtspause gegen Paderborn mag hier ein kleiner Dämpfer gewesen sein.

Mittendrin tummelt sich Christopher Trimmel, der als Kapitän rechts im Mittelfeld gesetzt ist, aber eben auch weiterhin durch seine perfekt getretenen ruhenden Bälle regelmäßig für Gefahr sorgt. Dabei müssten die Gegner mittlerweile doch wissen, wie die Sache zu verhindern geht, oder?

„Die meisten Teams verteidigen kombiniert mit Manndeckung und zwei Spielern, die im Raum stehen. Im Endeffekt geht es stets um ein gutes Timing. Wenn das passt, dann hast du als Angreifer immer einen halben Meter Vorsprung.“

In der Ausführung steckt dann auch kein großes Geheimnis mehr dahinter. Der Schütze tritt an, seine Mitspieler antizipieren gut, wissen die Räume zu suchen, wo der Ball tendenziell landen wird – und verwerten im Optimalfall. Die Handbewegung, der Anlauf, die Geschwindigkeit, die Flugkurve, alles ist gut abgestimmt und automatisiert. Jedes kleinste Detail scheint zu passen. „Ich habe es etwa immer als sehr wichtig empfunden, dass die Spieler wissen, wann ich loslaufe und wie ich schieße. Das funktioniert alles sehr harmonisch.“

Weil ein Fußballspiel aber nicht nur aus Standards besteht, steckt längst mehr hinter den grundsoliden Berliner Auftritten im deutschen Oberhaus. „Man hat schon gesehen, dass bei Union Berlin geiler Fußball geboten werden kann. Das ist eine spielerische Weiterentwicklung, die wir als Mannschaft genommen haben.“

Und doch ist dem 33-jährigen Kapitän der Eisernen klar, dass die Momentaufnahme mit dem sechsten Platz wunderbar sein mag, es aber gerade im Fußball schnell auch in die andere Richtung gehen kann. Darum bleibt Trimmel völlig demütig, wenn es um die weitere Zielsetzung in der noch jungen Saison geht. Schließlich sind gerade einmal 13 von 34 Spieltagen absolviert. „Unser Ziel bleibt der Klassenerhalt. Wenn wir den erreicht haben, werden wir aber nicht aufhören weiterzumachen. Das ist unsere Mentalität, wir leben als Mannschaft die Leidenschaft. Es geht stets nur um das nächste Spiel.“

13. Spieltag 19/20, als Schalke Dritter war

Wie schnell es schließlich gehen kann und wie sehr Demut generell sinnvoll ist, zeigt der Blick auf den Tabellenstand der Vorsaison, wie Trimmel erläutert. Nach genau 13 Spieltagen (und nebenbei einem 2:1 gegen Union Berlin) lag Schalke 04 mit 25 Punkten auf Platz drei der Tabelle, ehe die Kurve der Königlichen steil nach unten ging. Aktuell ist Schalke aufgrund einer historischen Talfahrt Letzter und heißester Abstiegskandidat.

21 Union-Zähler seien nach 13 Runden freilich toll, mehr aber nicht. Diese aufgebaute „geile Mentalität“, wie sie Trimmel nennt, sei auch ein Grund, warum niemand in der Mannschaft vom internationalen Geschäft spricht. Legitim wäre das. Schließlich befindet sich Union Berlin gar in Sichtweite eines Champions League-Platzes.

Schön für die Momentaufnahme, uninteressant aber, wenn es um das Wesentliche geht. Der Fokus liegt nur am nächsten Spiel. Punkt. Und das führt das Überraschungsteam dieser Saison nach Bremen zum SV Werder, wo am Samstag um 15.30 Uhr das erste Spiel im Kalenderjahr 2021 ansteht. Natürlich weiterhin ohne Fans, Deutschland befindet sich wie Österreich im Lockdown.

Dass gespielt werden kann, freut den ehemaligen Rapid-Profi. So wie in Wien-Hütteldorf kann sich aber ein Kicker auch im Union-Stadion an der Alten Försterei für gewöhnlich auf jede Menge Unterstützung verlassen.

Umso bitterer ist es für Trimmel, dass die Fans aufgrund der Corona-Pandemie draußen bleiben müssen. „Die Situation ist vor allem für sie extrem schwer, wenn du so einen Fußball-Entzug hast. Auch uns Spielern fehlt der 12. Mann. Oft sagt man ja, dass jede Situation ihre Vor- und Nachteile hat. Das hier hat für mich nur Nachteile. Klar gewöhnt man sich an alles, aber der Fußball lebt von den Fans. Für sie kämpfen wir auch.“

Nationalteam: Die EURO-Chance lebt

Rein sportlich kämpft Christopher Trimmel noch auf einem weiteren Schauplatz. Auch für Österreich zu spielen ist längst wieder ein Thema, seit Teamchef Franco Foda den Mittelburgenländer im Herbst laufend berücksichtigt hat. Ein gutes Zeichen, geht es doch für Rot-Weiß-Rot im neuen Jahr bei der EURO zur Sache.

Jenem Großereignis, bei dem Trimmel im Jahr 2016 noch als Fan beim 1:2 Österreichs gegen Island auf den Rängen mit dabei war. Zwar kickte er da bereits bei Union in der 2. Deutschen Bundesliga, berücksichtigt wurde er von Teamchef Marcel Koller damals aber nicht. Das könnte nun anders sein, wenngleich der Routinier weiß, dass die Konkurrenz um die begehrten Kaderplätze mittlerweile enorm groß ist. „Ich bleibe trotzdem dabei. Wenn man wie ich aktuell Ergänzungsspieler im Team ist, ist es umso wichtiger, beim eigenen Verein regelmäßig Leistung zu bringen. Die Entscheidung, wer dann dabei ist, trifft ohnehin der Teamchef.“

Und die wird sicher extrem schwierig – „vor allem, wenn du 30 super Jungs zur Auswahl hast.“ Vielleicht ist ein Typ wie Christopher Trimmel aber genau dann besonders gefragt. Für das perfekte Timing hat der Mannersdorfer schließlich einen offensichtlich guten Zugang.