Amateur-Meisterschaft: Vollgas mit Handbremse. Wenn der Wertungswille auf das Abbruchszenario trifft, braucht es Kreativität. Die muss aber rechtlich gedeckt sein. Also bleiben die Verantwortlichen defensiv.

Von Bernhard Fenz. Erstellt am 02. April 2021 (04:16)
Bei den Erwachsenen rollt noch kein Ball, dafür läuft die Zeit davon.
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Seit Donnerstag gelten im Burgenland, in Niederösterreich und in Wien verschärfte Covid-Bestimmungen. Mit ihnen schwindet die Hoffnungen auf eine baldige Fortsetzung der Ende Oktober unterbrochenen Meisterschaft im Unterhaus.

Vier Wochen Trainings-Vorlaufzeit braucht es, um dann die noch offenen Spiele der Hinrunde und somit auch eine Wertung zu schaffen. Im Burgenland sind das meist zwischen vier und sechs offene Matches, punktuell fehlen Teams acht, Oberpullendorf in der 2. Liga Mitte gar neun Partien. All das sollte dann bis spätestens 27. Juni über die Bühne gebracht sein.

Das ist der Status quo in Bezug auf die Beschlusslage. Kleinere Adaptierungen im Sinne einer zeitlich nach hinten verlegten Frist bis 4. Juli (oder gar noch etwas länger) sowie ein Aufweichen der nötigen Vorlaufzeit erweitern den Rahmen der Möglichkeiten. Im Fall des Falles könnte man hier wohl punktuell dehnbar agieren. Besondere Zeiten, besondere Maßnahmen.

Weil aber noch gar nicht absehbar ist, ob aufgrund der angespannten Covid-Situation die Hinrunde fertiggespielt werden kann, droht die abgebrochene Meisterschaft so wie schon 2020 annulliert zu werden. Der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) hat an sich die Stoßrichtung vorgegeben. Generalsekretär Thomas Hollerer: „Für eine sportrechtlich gültige Wertung muss jeder gegen jeden einmal gespielt haben. Punkt.“ Das ist im Paragraph 13a Absatz 2 der für die Saison 20/21 fixierten Meisterschaftsregeln auch sinngemäß festgehalten, inklusive der Empfehlung, dann einen Aufstieg durchzuführen, aber keinen Verein absteigen lassen zu müssen. Absatz 1 besagt gleichzeitig, dass die Landesverbände im Abbruchsfall für die Wertung und für den Auf-/Abstieg zuständig seien. So sollen regionale Unterschiede und Besonderheiten möglich sein, um „nicht mit dem Rasenmäher über alle drüberzufahren“, wie Hollerer stets betont.

Burgenland: Gerade 60 Prozent sind absolviert

Einige Verbände, unter anderem auch der Burgenländische Fußballverband (BFV), machten von der Möglichkeit einer autarken Entscheidung Gebrauch und verständigten sich im Vorfeld darauf, im Fall einer Wertung nicht nur einen Auf-, sondern auch einen Abstieg durchzuführen. Mit Blick auf die neue Saison sollte das Ligengleichgewicht beibehalten werden.

Dass die komplette Hinrunde gespielt sein muss, um überhaupt werten zu können, verankerten aber alle, so wie vom ÖFB vorgegeben.

Alle bis auf den Kärntner Verband (KFV). Der hat unter Paragraph 6a der Bestimmungen eine 90%-Regelung eingeführt. Diese besagt: Sobald 90 Prozent aller Hinrunden-Spiele aller Ligen und Klassen absolviert sind, kann auch überall eine Wertung der Meisterschaft erfolgen. Genau das ist bereits jetzt der Fall, weil Kärnten schon Ende Juli mit der Saison begann und – anders als etwa im Burgenland, wo das Land aufgrund verschärfter Covid-Maßnahmen in Bezug auf Kantinenbetrieb und Zuschauer den Spielbetrieb mit 23. Oktober einstellen ließ – bis zum 31. Oktober um Punkte gekämpft wurde. Im Burgenland sind somit gerade einmal 60,41 Prozent der Hinrunde absolviert.

Zuletzt verständigten sich die Verantwortlichen aus Kärnten darauf, das Frühjahr zu streichen und so oder so nur den Aufstieg durchzuführen. Sollte die Hinrunde also gar nicht mehr zu Ende gespielt werden, bleibt das Extra-Zuckerl für alle Aufstiegskandidaten. Gleichermaßen wäre es aber hochproblematisch, wenn Klubs absteigen, die noch nicht gegen jeden anderen Gegner antreten konnten. Frei interpretiert wird mit dieser Entscheidung also auch die Zahl potenziell Verärgerter minimiert. Wenn betroffene Klubs nämlich auf die Idee kämen und vor ein Gericht ziehen, ist nicht auszuschließen, dass das 90-Prozent-Konstrukt aufgrund des ÖFB-Vorgaben-Widerspruchs dann rechtlich einstürzt. Dieses Risiko bleibt.

Innovatives Denken vs. rechtliche Grundlage

Genau hier liegt der Haken bei allen kniffligen Überlegungen rund um die Covid-Meisterschaft. Es braucht eine sportrechtlich haltbare Basis. Die gibt es für Thomas Hollerer nur, wenn die Hinrunde durch ist. Im Burgenland würden dann Auf- und Abstieg flächendeckend durchgeführt. Das hat der BFV, ähnlich wie etwa Niederösterreich, bereits entschieden. Längst wird in der rot-goldenen Fußballszene aber schon alternativ laut über diverse Szenarien nachgedacht. Etwa, ob es auch (nur) Aufsteiger geben könnte, wenn die Hinrunde noch gar nicht fertiggespielt wird. Hier sieht Hollerer dann Chancen, wenn das auch alle Klubs der jeweils beteiligten Klassen einstimmig wollen. BFV-Präsident Gerhard Milletich ergänzt aber: „Gäbe es etwa eine gemeinsame Unterschriftenaktion von Wien, Niederösterreich und dem Burgenland bezüglich Landesliga-Aufsteiger, kann man darüber nachdenken. Nur könnte das dann in weiteren Ligen darunter ebenfalls aufkommen, in anderen wiederum nicht. Am Ende droht ein flächendeckendes Rechte-Chaos, das sich in die neue Saison ziehen könnte.“

Auch das Modell aus Bayern machte zuletzt als Denkansatz die Runde. Dort wurde die unterbrochene Meisterschaft aus dem Vorjahr weitergespielt. Fraglich ist allerdings aufgrund der aktuellen Lage, ob sie nun in diesem Frühjahr auch beendet wird. Für so eine Neuausrichtung der Meisterschaft bräuchte es jedenfalls einen Beschluss des ÖFB-Präsidiums, dem auch alle Landesverbandspräsidenten angehören. Hollerer: „Das System ist in Bayern längst auch umstritten. Es gab mittlerweile vier Transferzeiten für eine Meisterschaft, Abschluss ist aber auch noch keiner in Sicht. Unterm Strich gibt es hier ebenfalls Pro- und Kontra-Argumente.“

Am 30. April tritt das oberste ÖFB-Gremium wieder zusammen, dann soll die Lage bewertet werden. Schon im Vorfeld skizziert der ÖFB-Generalsekretär das Spannungsfeld: „Wir müssen innovativ und „out of the box“ denken, aber jede Lösung muss auch rechtlich halten.“ Und nebenbei darf der Blick auf die neue Saison nicht verloren gehen. Das findet Milletich wesentlich: „Jetzt gilt es alles zu tun, um vielleicht doch eine Wertung auf Basis der Beschlüsse zu schaffen. Gelingt das nicht, ist das aber zu akzeptieren. Dann wäre es klug den Zeitbogen ja nicht zu überspannen und so die neue Saison nicht zu gefährden. Die sollte nämlich im Sommer so früh wie möglich begonnen werden, um nicht schon von Beginn weg ein erneutes Chaos zu riskieren.“