Gerger und Katzbeck: „Politik verschließt die Ohren“. Manfred Gerger und Nina Katzbeck im BVZ-Interview über Vorurteile gegenüber Industriellen, Versäumnisse der Politik und eine nicht zeitgerechte Gewerkschaft.

Von Markus Stefanitsch. Erstellt am 20. September 2018 (06:46)
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Doppel-Interview. „Austern schmecken mir nicht“, wundert sich Manfred Gerger (li.) über das falsche Image. Nina Katzbeck (re.) wünscht sich mehr Frauen im Betrieb. „Dafür brauchen wir flexible Kinderbetreuung.“
Daniel Fenz

BVZ: Herr Präsident, von Industriellen wird oft das Bild gezeichnet, dass sie große Autos fahren, die Arbeitnehmer ausbeuten und sich nur von Austern und Champagner ernähren. Was sagen Sie dazu?

Gerger: Austern mag ich nicht, Champagner trinke ich auch keinen. Ein großes Auto habe ich zwar, aber wenn man viel unterwegs ist, ist das Thema Sicherheit vordergründig.

Katzbeck: Dass wir Mitarbeiter ausbeuten, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, da wir diejenigen sind, die Beschäftigung sichern, Mitarbeiter versuchen zu qualifizieren und auszubilden. Wir versuchen, Regionen und Standorte aufrecht zu erhalten. Unsere Mitarbeiter würden sicher bestätigen, dass sie nicht ausgebeutet werden.

IV-Präsident Manfred Gerger und Vizepräsidentin Nina Katzbeck beim BVZ-Interview.
D. Fenz

Das Thema Arbeitszeitflexibilisierung wurde sehr emotional debattiert. Wie betrachten Sie das?

Gerger: Für die Industrie ist mehr Sachlichkeit gefordert. Die Firma Hella etwa hat das 2013 vereinbart und die Möglichkeit der 60-Stunden-Woche dokumentiert. Wenn Arbeit vorhanden und mehr Leistung notwendig ist, sind die Mitarbeiter bereit, diese zu bringen.

Fakt ist, dass eine Verunsicherung da ist. Was machen Sie, um Ihren Arbeitnehmern die Unsicherheit zu nehmen?

Gerger: Persönliche Gespräche, auch mit dem Betriebsrat, da es so viele falsche Infos gibt. Bei Montage oder auf einer Baustelle ist die Flexibilisierung von Vorteil. Es soll gearbeitet werden, wenn die Arbeit da ist. Meistens besteht ein Auftrag aus einer langen Entscheidungsphase, aber einer kurzen Arbeitszeit. Katzbeck: Für Frauen, die auch ihre Kinder betreuen, sind flexible Arbeitszeiten ganz wichtig. Allerdings müssen hier im Land dann auch die Kinderbetreuungseinrichtungen ausgebaut und ebenfalls flexibler gestaltet werden.

Ein Vorwurf der Industrie ist auch, dass die Gewerkschaft nicht mehr praxisnah ist?

Katzbeck: Die Mitarbeiter stellen ja selbst fest, dass die Gewerkschaft nicht mehr zeitgerecht ist. Sie wollen selber auch mehr Flexibilität haben. Wir als Unternehmer erbringen viele finanzielle Leistungen und wenn die Leistung passt, zahlt man gerne auch mehr.

Ist das das Ende der Sozialpartnerschaft?

Gerger: Es soll und darf kein Ende geben. Ein vernünftiges Pendant, wo man etwas mit Vertretern der Arbeitnehmer vereinbaren kann, muss vorhanden sein. Der Großteil hat ein tolles Verhältnis. Es geht nur miteinander, das gelingt bei uns sehr gut.

Wichtig ist, dass man Facharbeiter hat. Warum gibt es so wenige?

Gerger: Es ist wichtig, dass man sie selber ausbildet. Das Image der Lehre gehört gehoben, Lehre mit Matura muss noch attraktiver gemacht werden. Leider verschließt hier die Politik die Ohren.

Katzbeck: Das Burgenland hat mit 48 Prozent österreichweit die höchste Maturantenquote. Man muss hier nichts verändern, aber man sollte diese Quote auch mit Industrie und Wirtschaft verbinden. Gewisse Schulen sind nicht mehr zeitgerecht und man müsste eine Strukturbereinigung durchführen.

Was gibt es noch für Hürden für die Industrie?

Gerger: Qualifikation, Ausbildung und Technikorientierung. Wenn man einen Standort aufrecht erhalten will, ist Technik äußerst wichtig und muss im Vordergrund stehen. Nur zu produzieren und zu entwickeln, funktioniert nicht. Außerdem ist Innovation im Unternehmen sehr wichtig, sonst hat ein Standort auf Dauer kaum Existenz-Chancen.

Wieviel Industrie verträgt das Burgenland?

Gerger: Da gibt es keine Grenze. Es wird oft dargestellt, dass Tourismus und Industrie sich nicht verträgt. Das Land würde weit mehr Industrie vertragen. Die Zeit der rauchenden Schlote ist vorbei. Was gibt’s Schöneres, als Arbeit mit Leben zu verbinden.

Man hört öfters, dass viele Facharbeiter lieber „stempeln“ gehen und zwei Tage die Woche pfuschen und damit mehr verdienen als mit einem 40-Stunden-Job.

Gerger: Es gibt in Österreich ein gutes „Auffangnetz“ und immer Leute, die es brauchen und es ausnutzen. Über die Höhe des sozialen Netzes kann man sehr wohl nachdenken. Ich glaube aber nicht, dass uns aufgrund dessen so viele Beschäftigte fehlen. Lohn oder Gehalt sind bei uns fast doppelt so hoch wie die Sozialleistung.

Was halten Sie vom geplanten Mindestlohn von 1.700 Euro netto im „Landesdienst“?

Gerger: Zuerst sollte man sich die Gehaltsentwicklung im öffentlichen Bereich anschauen und dann entscheiden. Immerhin wird diese Gehaltserhöhung mit Steuermitteln finanziert. Und das Land muss sich das auch leisten können.

Braucht man Standortmanagement im Burgenland?

Gerger: Es reicht, wenn man die vorhandenen Industrieparks vernünftig ausbauen und bewerben würde. Was nützt ein Industriegrundstück, wenn die Anbindung schlecht oder nicht vorhanden ist? Da kommt niemand. Die hohe Steuerbelastung ist auch ein Problem.

Ist eine 4-Tage-Woche denkbar?

Katzbeck: In einem Schichtmodell vorstellbar, aber im Verkauf beispielsweise nicht möglich. Wenn man mehr Flexibilität hat, dann kann man es vielleicht so richten, dass man einmal 5, dann wieder nur 4 Tage arbeitet. Interview: M. Stefanitsch